Die Welt der Commons

Muster des gemeinsamen Handelns

WIR — Eine Währung, die den Tausch neu erfindet

James Stodder und Bernard Lietaer

Der Schweizer WIR ist die älteste derzeit existierende soziale bzw. Gemeinschaftswährung. Auch die Bezeichnung Komplementärwährung ist geläufig. Sie verweist darauf, dass derartige Währungen eher als Ergänzung und nicht als Ersatz für ein staatliches Währungssystem gedacht sind.

WIR ist keine physische Währung im eigentlichen Sinn, kein Geld zum Anfassen, sondern vielmehr ein System von Guthaben und Verpflichtungen. Wenn ein Käufer und eine Verkäuferin einen Preis in WIR vereinbaren, wird dieser der Verkäuferin gutgeschrieben und beim Käufer als Belastung registriert. Mit einem Smartphone ist dieser Vorgang heute innerhalb von Sekunden erledigt.

Die WIR-Bank wurde 1934 unter dem Namen Wirtschaftsring inmitten der großen Depression gegründet. Sie basierte auf den Ideen von Silvio Gesell, einem deutsch-argentinischen Unternehmer, der genau verfolgt hatte, wie der normale Geldkreislauf zusammengebrochen war. Daraufhin entwickelte er mit der Freiwirtschaftslehre ein Wirtschaftskonzept, das derartige Zusammenbrüche verhindern sollte. Seine wesentliche Erkenntnis: Wenn Geld eher ängstlich gehortet statt freizügig ausgegeben wird, dann verschärft das die Krise.

Gemeinschaften können diesen Teufelskreis durchbrechen, wenn sie eigene Währungen erfinden, die auf langfristige Gegenseitigkeit zwischen den Beteiligten bauen statt auf Gold oder Regulierungen der Zentralbank. Nach Irving Fischer, einem der ersten Währungstheoretiker, schossen in der großen Depression Hunderte solcher Währungen aus dem Boden (Fisher 1936). Neuere Forschungen der Autoren bestätigen, dass der WIR-Kreislauf sich in einer Rezession tatsächlich beschleunigt; weil Menschen ihre knappen Schweizer Franken horten, sind sie eher bereit, den WIR für den Tausch zu verwenden (Stodder 2009).

WIR hat gegenüber der offiziellen Währung auch Nachteile. Zum Beispiel kann diese Währung nicht einfach in eine andere eingetauscht werden, und sie wird auch nicht außerhalb der WIR-Community als Tauschmittel akzeptiert. Dieser Kreis ist allerdings in der Schweiz recht groß. Er umfasste 2013 etwa 50.000 kleine und mittlere Unternehmen (KMUs), was nach dem Geschäftsbericht der WIR-Bank 2013 zu einem Umsatz von 1,43 Milliarden Schweizer Franken oder 1,59 Milliarden US-Dollar führte. Über 80 Prozent der Nutzer des WIR sind KMUs oder größere Unternehmen, der Rest sind Haushalte.

Was ist nun die soziale Basis dieser langfristigen Gegenseitigkeit, wie sie dem WIR zu Grunde liegt? Lehrbücher über den Ursprung des Geldes beginnen meist mit dem Problem der »doppelten Übereinstimmung der Bedürfnisse«: Wenn beide Seiten von einem Tauschgeschäft profitieren sollen, dann ist es nicht damit getan, dass du willst, was ich habe; du musst auch haben, das ich will. Doch je fortgeschrittener die Arbeitsteilung, desto schwieriger wird es, solche doppelten Übereinstimmungen zu finden. Lange Ketten von einfachen Übereinstimmungen sind notwendig, um den Kreis zu schließen: A gibt Brot an B, dieser Käse an C und jener wiederum einen Apfel an A zurück. Geld hilft, dieses Problem zu lösen, weil es als intermediäres »Gut« dient, das alle haben wollen. Dieser Erklärungszusammenhang beginnt und endet mit individuellen Bedürfnissen, doch die Menschheit hat nicht in erster Linie mit solchen Tauschgeschäften überlebt. Die anthropologische und historische Forschung eines Jahrhunderts hat gezeigt, dass Geschenke – und nicht Geld oder Tausch – am Ursprung dessen standen, was heute unter Wirtschaft verstanden wird (Lietar 2000).1

In seinem Werk Die große Transformation beschreibt Polanyi die Schenkökonomie als voraussetzungslose Gabe, für die aber eine Gegengabe erwartet wird, wenn auch nicht unbedingt von denselben Personen. Dieses Verfahren sei gut austariert und durch komplexe Methoden, den Prozess öffentlich zu machen, perfekt abgesichert (Polanyi 1957: 47). Ein weit verzweigtes Netzwerk von Gaben und Gegenseitigkeit zwischen Individuum und Gruppe, nicht nur zwischen zwei Individuen – das war die ursprüngliche Lösung für das Problem der »doppelten Übereinstimmung der Bedürfnisse«. Analog waren die ersten Währungen keine unpersönlichen Wertaufbewahrungsmittel, sondern vielmehr Aufzeichnungen des sozialen Austauschs in den Gemeinschaften. Lietaer beschreibt in Mystery of Money Währungen, die Tonwaren zur Grundlage hatten und in deren Zentrum Tempel der Muttergottheiten oder mittelalterliche Schreine der Jungfrau Maria standen. Diese frühen Formen des Geldes waren eine Methode, an persönliche Schuld zu erinnern. Der lateinische Wortstamm von »monetär«, abgeleitet von der Muttergottheit Juno Moneta, die über alle Tauschhandlungen wacht, verweist auf diese Tatsache. WIR ist ein Nachkomme der Juno. WIR ist eine Methode, über wechselseitige (nicht nur bilaterale) Reziprozität innerhalb einer Gemeinschaft von namentlich bekannten Individuen zu wachen.

Unpersönliches Geld als Grundlage für den Tauschhandel kam erst viel später auf. Es ermöglichte Wirtschaftsbeziehungen über den Kreis der persönlichen Bekanntschaften hinaus. Aber dieses neue, unpersönliche Geld schuf wieder neue Probleme: Wie soll die Geldmenge kontrolliert werden? Zuviel bedeutet Inflation und Ressourcenverschwendung; zu wenig führt zu Deflation und Arbeitslosigkeit. Wertvolle Metalle sind eine willkürliche Form der Kontrolle und Zentralbanken eine allzu direkte. In der Geschichte gab es immer wieder mal Überfluss, mal Mangel an Gold und Silber und die derzeitige Situation verweist eindrucksvoll auf die Reichweite und Grenzen zentralbanklicher Steuerung. Das Angebot an WIR wird jedoch weder durch Gold noch durch die Geldbasis2 der Zentralbank begrenzt, sondern es steigt in dem Maße, in dem Menschen die Währung ausgeben möchten. Diese Bereitschaft ist größer (a) in einer Rezession, (b) in stark konjunkturabhängigen Branchen, wie der Bauwirtschaft oder dem Gastgewerbe, und (c) bei denen, die am wenigsten Geld haben. Im Gegensatz zum normalen Geld fließt diese Währung also dort, wo sie am meisten gebraucht wird.

WIR ist eine Gemeinschaftswährung, aber selbst in einem so kleinen Staat wie der Schweiz ist sie nicht mehr stark an eine Gemeinschaft gebunden. Zeitbanken (etwa in den USA oder in Finnland3), die Local Exchange Trading Systems, kurz: LETS, ein bargeldloses Tausch- und Verrechnungssystem (in Kanada oder Österreich4) sowie die Fureai Kippu (»Gegenseitiges-Kontakt-Ticket«, das als Sektorialwährung im japanischen Gesundheitswesen eingesetzt wird) sind weitere bemerkenswerte Währungen, die besser in den entsprechenden Gemeinschaften verankert sind. Doch wie sie alle, schafft auch WIR ein Bewusstsein für den bedürfnisbasierten Gabentausch. Vielleicht ist es diese Form des Tausches, die am besten zu uns Menschen passt.

Literatur

Fisher, I. (1936): »100 % Money and the Public Debt«, in: Economic Forum, Frühjahr, S. 406-420.

Lietaer, B. (2000): Mysterium Geld: Emotionale Bedeutung und Wirkungsweise eines Tabus, München.

Polanyi, K. (1957): The Great Transformation: the political and economic origins of our time, Boston, Beacon Press.

Stodder, J. (2009): »Complementary Credit Networks and Macro-Economic Stability: Switzerland’s Wirtschaftsring«, in: Journal of Economic Behavior and Organization.

Stodder, J., und B. Lietaer (2014): »The Macro-Stability of Swiss WIR-Bank Credits: Balance, Velocity and Leverage«, Arbeitspapier, Rensselaer Polytechnisches Institut.

James Stodder lehrt Ökonomie und Ökonometrie, unter anderem an der School of Management am Rensselaer Polytechnischen Institut. Er forscht zu Austauschsystemen, Verhaltensökonomik, Ungleichheit und ökonomischer Anthropologie.

Bernard Lietaer ist Autor von The Future of Money, das in 18 Sprachen übersetzt wurde (dt.: Das Geld der Zukunft) sowie Experte für die Konzeption und Einführung von Währungssystemen. Er half, den Konvergenzmechanismus des Euro zu entwickeln, und wirkte als Präsident des Elektronischen Zahlungssystems der Belgischen Nationalbank.

1 | Vgl. etwa Marcel Mauss’ Klassiker: Die Gabe: Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften; Karl Polanyi: Die große Transformation: Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen; Frederic Pryor: The Origins of the Economy: A Comparative Study of Distributions in Primitive and Peasant Economy.

2 | Der Begriff bezeichnet die aktuellen Bestände an Zentralbankgeld, die Grundlage für die Geldschöpfung der Kreditinstitute sind. Es gehen der Bargeldumlauf sowie Sichtguthaben der Banken bei der Zentralbank ein (Anm. der Hg.).

3 | Siehe dazu auch den Beitrag von Peltokoski et al. in diesem Band.

4 | Siehe: www.waffeltausch.at/ (Zugriff am 15. Januar 2015).